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30.03.2021

Zwischenbilanz: Reichhaltige, interdisziplinäre Forschung

Prof. Dr. Alexander Grob, Präsident der Leitungsgruppe des NFP 76
Prof. Dr. Alexander Grob, Präsident der Leitungsgruppe des NFP 76, Professor für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie an der Universität Basel

Der Präsident der Leitungsgruppe, Professor Alexander Grob, gibt einen Einblick in die Arbeiten des NFP 76.

Herr Grob, nun sind vier Jahre vergangen, seit der Bundesrat das NFP 76 lanciert hat. An welchem Punkt steht das Forschungsprogramm?

Ich würde es so formulieren: Wir sind eindeutig auf Kurs. Die meisten Forschenden haben etwas mehr als die Hälfte ihrer Forschungsarbeiten ausgeführt, ihre Ansätze und Methoden geschärft und vielversprechende Daten erhoben und Interviews geführt. Deren Auswertung und Diskussion nimmt nun Zeit in Anspruch – wir rechnen damit, dass wir im Herbst 2022 bereits viele Ergebnisse aus den Projekten präsentieren können. Aufgrund von Covid-19 sind einige Projekte leicht in Verzug geraten, zum Beispiel infolge eingeschränkter Archivzugänge oder nicht durchführbarer Interviews.

Arbeiten die Forschungsteams isoliert oder zusammen?

Es gibt viele Projekte, die den direkten Austausch mit anderen Forschenden des NFP 76 pflegen und dadurch voneinander lernen. Das NFP unterstützt solche Vorhaben auch ganz bewusst mit finanziellen Mitteln. Mitte März 2021 hat das NFP eine wissenschaftliche Konferenz organisiert, dank der internationale Impulse vermittelt werden konnten. Im Fokus standen die folgenden Aspekte: Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der internationalen Aufarbeitung und die Rolle der Wissenschaft in Aufarbeitungsprozessen bei ungerechtfertigten Eingriffen in das Leben von Personen. Ich hoffe, dass der Austausch über die Grenzen des eigenen Projekts, der eigenen Disziplin und der eigenen Forschungsinstitution hinaus in der nächsten Phase noch weiter zulegt. Auch zu Themen, die direkt und konkret mit Methoden und Handwerk der Forschung zu tun haben, fördern wir den Austausch zwischen den Forschenden:So haben im letzten Dezember über 90 Forschende des NFP an einem Programmworkshop über die Interpretation von Fallakten und den Einbezug der Betroffenenperspektive teilgenommen und eigene Erfahrungen ausgetauscht.

Wieso ist die Diskussion über Akten von besonderer Bedeutung?

Viele Projekte arbeiten mit Fallakten. Die Herausforderung «Interpretation» kann eine Gratwanderung sein. Die Akten, mit denen die Projekte arbeiten, sind aus dem Grund besonders herausfordernd, mitunter heikel, weil es sich dabei um das amtliche Protokoll von Interventionen im Spannungsfeld zwischen Fürsorge und Zwang handelt. Es ist Sorgfalt angebracht, was die Herleitung von Erklärungen und Deutungen betrifft. Und es stellen sich eine Reihe von Fragen. Etwa: Wie werden "Fälle" konstruiert? Was haben Akten mit der Lebenswelt der Menschen hinter den "Fällen" zu tun? Welche moralischen Normvorstellungen und welche ökonomischen Interessen haben bei der Fallführung die Feder geführt? Das – und viele andere mehr – sind zentrale Fragen, um deren Klärung sich verschiedene Projekte bemühen. Darüber hinaus gibt es viele zusätzlich Forschungsfragen, die bearbeitet werden.

Das NFP 76 ist thematisch sehr breit angelegt. Sind aus den Projekten ausreichend Erkenntnisse zu erwarten, um die relevanten Fragen gründlich beantworten zu können?

Wir sind sehr zuversichtlich. Die Projekte mussten im Herbst des letzten Jahres Zwischenberichte einreichen, die die Leitungsgruppe eingehend geprüft hat. Dieser Einblick in die Forschungstätigkeiten stimmt uns optimistisch. Ausserdem hat die Leitungsgruppe alle Forschenden besucht, um den direkten Austausch zu pflegen. Dank einer zweiten und dritten Ausschreibung können wir zudem bestehende Lücken schliessen. Das bedeutet zwar, dass diese Projekte später mit ihren Forschungsarbeiten starten als die anderen, aber dafür gewinnen wir ergänzende Erkenntnisse. Wir werden im Mai 2021 zusätzliche Forschungsprojekte zu Adoptionen in Zwangslagen und Familienplatzierungen im Pflegekinderwesen auswählen können.

Wie schliesst das NFP an die Ergebnisse der Unabhängigen Expertenkommission (UEK) Administrative Versorgungen an?

Die Erkenntnisse der UEK sind sehr gut dokumentiert und in Publikationen gesichert. Diese werden in vielen Forschungsprojekten des NFP direkt verwertet. Zudem sind viele Forschende, die bereits in die Arbeiten der UEK involviert waren, auch im Rahmen des NFP 76 wissenschaftlich tätig. Vor einigen Monaten haben die Autorin und der Autor des Syntheseberichts der UEK, Lorraine Odier und Urs Germann, die zentralen Punkte und Erkenntnisse der UEK den Forschenden des NFP 76 vorgestellt, was zu einem gewinnenden Austausch geführt hat. Klar ist aber, dass das NFP 76 im Gegensatz zur UEK Administrative Versorgungen einen starken Gegenwartsbezug hat und wir uns Ergebnisse erhoffen, die an unmittelbare, aktuelle Herausforderungen des Spannungsfeldes von Fürsorge und Zwang anknüpfen.

Welches sind die nächsten Schritte im NFP 76?

Je mehr Wissen aufgebaut wird, desto wichtiger wird nun der Wissenstransfer. Dabei möchten wir frühzeitig den Dialog über die Forschungsgrenze des NFP hinaus beginnen. Um dem Bezug von Fürsorge und Zwang zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft umfassend Rechnung zu tragen, werden wir den aktuellen Diskurs in Politik, Praxis und Öffentlichkeit berücksichtigen. Dazu braucht es Austausch und gemeinsame Diskussionen. Diesen wollen wir mit einer Reihe von fünf Dialogveranstaltungen in allen Sprachregionen zwischen Herbst 2021 und Herbst 2022 aufbauen. Ergänzend dazu werden wir mit der Herausgabe von Bulletins des NFP 76 konkrete Einblicke in die Forschung geben. Dort werden auch unsere Dialogpartner in der Praxis, Betroffene, Behörden, Politikerinnen und Politikern, Nichtregierungsorganisationen und weitere Akteure zu Wort kommen. Und last but not least beschäftigt sich die Leitungsgruppe auch bereits mit der Frage, wie das Wissen aus den schlussendlich über 30 Projekten gebündelt und verständlich präsentiert werden kann.

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