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Die Rolle forensischer medizinischer Begutachtung bei Fremdplatzierung

 

Bei zivil- und strafrechtlicher Rechtsprechung beeinflusst die forensische Begutachtung die Entscheidungsfindung bezüglich der psychiatrischen Zwangseinweisung von Personen, die für sich selber oder andere eine Gefahr darstellen. Woher stammt diese Macht des Gutachters und welche Faktoren trugen zur Entstehung der forensischen Psychiatrie in der Schweiz bei?

​​Projektbeschrieb (laufendes Forschungsprojekt)

Während der Aufklärung wurde die Dynamik in Gang gesetzt, welche medizinisches und therapeutisches Wissen mit der Macht der Inhaftierungsanordnung verknüpft. Im untersuchten Zeitrahmen (1760–1910) kam es zu einer Zunahme der epistemologischen und sozialen Macht der forensischen Psychiatrie. Dies war auch die Zeit der Stärkung von Rechtsvorschriften, die individuelle Freiheiten garantieren und von Heimeinrichtungen, welche die alten Spitäler ersetzten. Das Projekt beleuchtet das Aufkommen von neuartigen Zwangsstrukturen für den Umgang mit "abweichendem" und "anormalem" Verhalten im liberalen Zeitalter. An den Beispielen Genf und Waadt vergleicht das Projekt zwei Kantone, die besonders früh mit Regulierungsdispositiven, Internierungen und Behandlungsmethoden aufgrund forensischer Psychiatriegutachten gearbeitet haben.

Hintergrund

Die jüngsten Erkenntnisse der Psychiatriegeschichte in der Schweiz legen eine Analyse forensischer Psychiatriegutachten über eine längere Zeitdauer nahe. Noch bevor medizinische Gutachten von kantonalen und nationalen Gesetzgebungen für obligatorisch erklärt wurden (z.B. ZGB 1907), gründeten therapeutische Schutzinternierung bereits auf Gutachten, die wenig bekannt und in den Archiven schwer zugänglich sind. Dieses Projekt wird eine ambivalente Praxis beleuchten, die sich in der gegenwärtigen juristischen Lage wiederspiegelt wird.

Ziel

Das Projekt möchte die aktuellen Herausforderungen in der forensischen Psychiatrie bezüglich Fremdplatzierungs- und Internierungsmassnahmen aufzeigen. Es untersucht, wie sich der Wandel von Praktiken, Wahrnehmungen, Diskursen sowie von psychiatrischen Institutionen strukturiert und gestaltet. Durch die geschichtliche Aufarbeitung der Auswirkung medizinischer Gutachten auf die Gesellschaft wird dieses Projekt heutigen Experten als Grundlage für das kritische Überdenken aktueller juristischer und behördlicher Verfahren dienen.

Bedeutung

Medizinische Gutachten bezwecken eine Objektivierung des geistigen Gesundheitszustandes, um als Grundlage für juristische oder behördliche Entscheidungen zu dienen. Experten intervenieren aber in einem Kontext, der sich ständig wandelt. Mit der Analyse eines grösseren Zeithorizonts wird dieses Projekt ein neues Verständnis vorschlagen für jene Faktoren, welche für den Wandel der normativen Rolle psychiatrischer Gutachten bei Internierungspraktiken verantwortlich sind. Die Veränderungen der Vergangenheit besser zu kennen, kann einen Beitrag leisten für die Analyse aktueller sowie die Vorbereitung künftiger Politik.

Originaltitel

The long-term role of forensic medical expertise in placements and detention: from the Enlightenment to the Swiss Civil Code, in Geneva and Vaud

Projektverantwortliche

  • Prof. Dr. Michel Porret, Département d’histoire générale, Faculté des lettres, Université de Genève (Projektleiter)
  • Prof. Dr. Cristina Ferreira, Haute Ecole de Santé Vaud (Projektleiterin)
  • Dr. Marco Cicchini, Université de Genève, (Projektkoordinator)

 

 

Weitere Informationen zu diesem Inhalt

 Kontakt

Prof. Dr. Michel Porret Département d’histoire générale
Faculté des lettres
Université de Genève
5 rue de Candolle 1211 Genève 4 +41 22 379 70 83 michel.porret@unige.ch